Die „Lücke“ bei den Soft Skills ist ein Messproblem, kein Talentproblem.

Geschrieben vonJoss Gillet25. August 20266 Min. Lesezeit
Die „Lücke“ bei den Soft Skills ist ein Messproblem, kein Talentproblem.

Warum wir den Talenten die Schuld geben und nicht dem Maßband

In jeder Einstellungssaison hallt dieselbe Beschwerde von den Vorstandsetagen bis in die Lehrerkollegien wider: Die frischgebackenen Absolventen seien einfach nicht „bereit für den Arbeitsmarkt“. Diese Überzeugung hält sich hartnäckig. Arbeitgeber nicken zustimmend, Dozenten reagieren gereizt, und alle sind sich einig: Die Lücke bei den Soft Skills ist real, dringlich und irgendwie die Schuld einer Generation, die es einfach nicht „kapiert“.

Diese Geschichte ist verlockend, weil sie einfach ist. Wenn jungen Menschen tatsächlich Kommunikations- oder Teamfähigkeiten fehlen, besteht die Lösung darin, diese Defizite zu beheben – intensiver schulen, besser auswählen, Workshops anbieten. Die Erzählung liefert uns einen eindeutigen Bösewicht (den unvorbereiteten Absolventen) und eine klare Lösung (mehr Soft-Skills-Training). Doch wie bei jeder Geschichte, die zu oft nacherzählt wird, verschwimmen die Details. Was verstehen wir eigentlich unter „Soft Skills“? Woher wissen wir, dass sie fehlen? Und wie genau messen wir, worauf es ankommt?

Warum die Geschichte von der Kompetenzlücke glaubwürdig wirkt

Seien wir ehrlich: Es gibt Gründe, warum diese Überzeugung so viel Gewicht hat. Niemand sieht gerne zu, wie ein Bewerber bei einer Gruppenübung ins Straucheln gerät, oder liest einen Bericht, der am Zielpublikum vorbeigeht. Wenn 84 % der Mitarbeiter und Führungskräfte sagen, dass neue Mitarbeiter Soft Skills nachweisen müssen, ist das kein leeres Gerede – es spiegelt echte Probleme am Arbeitsplatz wider.

Arbeitgeber ziehen diese Beschwerden nicht aus der Luft. Sie merken es, wenn ein Team aufgrund von Missverständnissen auseinanderfällt oder eine Kundenbeziehung durch mangelndes Zuhören zerbricht. In Branchen mit hohem Risiko sind die Kosten eines übersehenen Hinweises oder einer taktlosen E-Mail real. Auch die Lehrenden stehen unter Druck: Akkreditierungsstellen wollen Absolventen, die führen, verhandeln und sich anpassen können. Es geht nicht nur um akademische Aspekte, wenn es darum geht, Soft Skills „richtig“ zu vermitteln – sie sind eng mit der Arbeitsleistung, dem Ruf der Einrichtung und sogar mit Rankings verbunden.

Hinzu kommt die gelebte Realität: Jeder kann einen Kollegen nennen, der fachlich brillant ist, sich aber in Besprechungen schwer tut, oder einen Studenten, der Prüfungen mit Bravour meistert, bei Präsentationen jedoch erstarrt. Diese Anekdoten verstärken den Eindruck, dass die Lücke auf ein individuelles Versagen zurückzuführen ist – auf etwas Angeborenes oder Nicht-Lehrbares. Wenn dieselbe Geschichte branchen- und kontinentübergreifend immer wieder auftaucht, wirkt das wie ein Beweis.

Die Beweise, die den Mythos widerlegen

An dieser Stelle machen die Daten die Sache kompliziert. Es stimmt, dass 85 % des beruflichen Erfolgs auf gut ausgeprägten Soft Skills und zwischenmenschlichen Fähigkeiten beruhen, während nur 15 % auf fachlichen Fähigkeiten und Wissen zurückzuführen sind (National Soft Skills Association, 2023). Und ja, Arbeitgeber stufen Kommunikation, Teamarbeit und Professionalität durchweg als die am meisten gefragten Eigenschaften ein.

Quelle Wichtigste Erkenntnis
National Soft Skills Association (2023) 85 % des beruflichen Erfolgs hängen von Soft Skills ab
Forbes (2024) 84 % sind der Meinung, dass Soft Skills bei der Einstellung nachgewiesen werden müssen

Aber beachten Sie, was in diesen Schlagzeilen fehlt: eine einheitliche Definition von „Soft Skills“. Die meisten Arbeitgeberumfragen stützen sich auf weit gefasste Kategorien – Kommunikation, Teamarbeit, Anpassungsfähigkeit –, ohne genau zu spezifizieren, welche Verhaltensweisen zählen oder wie sie bewertet werden. Bitten Sie zehn Führungskräfte, „Kommunikation“ zu bewerten, und Sie erhalten zehn unterschiedliche Interpretationen: Geht es um Klarheit, Überzeugungskraft, Prägnanz, aktives Zuhören oder etwas anderes?

Die Anekdote des Reddit-Managers verdeutlicht den Punkt. Er war anfangs davon überzeugt, dass ihm Soft Skills einfach „fehlten“. Im Laufe der Zeit, durch Übung und Feedback, entdeckte er kein verborgenes Talent – er erkannte, was er üben musste. Das Hindernis war nicht ein Mangel an Fähigkeiten, sondern das Fehlen eines klaren, messbaren Ziels. Dies ist keine Geschichte über angeborene Defizite, sondern darüber, die Messlatte zu verschieben.

Was, wenn das eigentliche Problem die Messung ist?

Die Erkenntnisse legen eine neue Sichtweise nahe: Bei der anhaltenden „Lücke“ geht es weniger um fehlendes Talent als vielmehr um das Fehlen transparenter, zuverlässiger Messgrößen. Wenn man nicht definieren kann, wie gute Kommunikation oder Teamarbeit aussieht, kann man sie weder trainieren, noch Mitarbeiter danach einstellen oder nachweisen, dass man sie verbessert hat.

Denken Sie einmal über die Auswirkungen auf Ihren eigenen Campus oder Arbeitsplatz nach. Wenn Lehrkräfte „professionelles Verhalten“ einfordern, was beobachten sie dann tatsächlich? Pünktlichkeit? E-Mail-Etikette? Eigeninitiative? Ohne gemeinsame Bewertungskriterien geraten die Beurteilungen ins Schwanken – und damit auch die Maßnahmen zur Verbesserung. Studierende und neue Mitarbeiter erhalten vages Feedback („Sei professioneller“), aber keine umsetzbaren, beobachtbaren Schritte, die Veränderungen vorantreiben.

Dieses Messproblem ist nicht neu. Die Forschung zu Bewertung und Transfer (siehe: Ericssons „deliberate practice“; die Metaanalysen von Wiese & Burke) zeigt, dass sich komplexe Verhaltensweisen am besten übertragen lassen, wenn sie in spezifische, beobachtbare Einheiten zerlegt werden. Mit anderen Worten: Man bekommt das, was man misst. Wenn Organisationen Mikrofähigkeiten konkret formulieren (z. B. „Fasse am Ende des Meetings die wichtigsten Punkte zusammen“ oder „Stelle klärende Fragen, bevor du antwortest“), werden sowohl das Unterrichten als auch die Bewertung zuverlässiger und valider.

Nehmen wir noch einmal den Reddit-Manager als Beispiel. Sein Durchbruch bestand nicht darin, ungenutztes Charisma zu entdecken. Es war der Wechsel von einem abstrakten Ziel („eine bessere Führungskraft sein“) hin zum Einüben klarer, vermittelbarer Handlungen – Feedback einholen, Besprechungen anders leiten, Erwartungen festlegen. Das ist ein Erfolg der Messung, keine Talentlotterie.

Warum ist das wichtig? Weil wir jedes Mal, wenn wir Absolventen oder neue Mitarbeiter dafür kritisieren, dass sie „keine Soft Skills haben“, von den strukturellen Lösungen ablenken: bessere Definitionen, valide Bewertungskriterien, transparente Beurteilung. Das Ergebnis: Frustration für alle, verschwendete Schulungsbudgets und hartnäckige Lücken, die gar keine Lücken sind – es sind blinde Flecken in unseren eigenen Messinstrumenten.

Ein praktisches Beispiel: Stellen Sie sich einen Teamleiter vor, der die „Kommunikation“ seines Teams verbessern möchte. Wenn das einzige Feedback lautet: „Sprechen Sie sich mehr zu Wort“, ändert sich kaum etwas. Wenn die Erwartung jedoch lautet: „Jedes Teammitglied fasst seine Aufgabe am Ende des Stand-up-Meetings zusammen“, wird die Verbesserung beobachtbar und coachbar. Im Laufe der Zeit lässt sich dieses Verhalten nachverfolgen, bewerten und – was entscheidend ist – reproduzieren. Das ist der Wandel vom Talentmythos hin zu Messklarheit.

“Formulieren Sie konkret, was Sie erwarten: Statt allgemein zu sagen „Verbessere deine Kommunikation“, sollten Sie dies in beobachtbare Verhaltensweisen aufteilen – zum Beispiel, die wichtigsten Punkte am Ende einer Besprechung zusammenzufassen.” — Nicky Perfect, Kommunikationscoach

Sind Sie bereit, das zu messen, worauf es ankommt?

Wenn Sie im Bereich Beschäftigungsfähigkeit oder Lehrpläne tätig sind, ist die härteste Wahrheit zugleich die befreiendste: Sie müssen nicht die Menschen „korrigieren“, sondern das Maßband. Beginnen Sie mit klaren, beobachtbaren Definitionen – wie sieht „professionelles Verhalten“ oder „Teamarbeit“ in der Praxis in Ihrem Kontext aus? Entwickeln Sie Bewertungsraster, die jeder Bewerter anwenden und jeder Lernende verstehen kann. Beziehen Sie Arbeitgeber nicht nur als Kritiker, sondern als Mitgestalter dessen ein, was zählt. Und prüfen Sie stets: Zeigen Ihre Belege eine Verbesserung der beobachtbaren Fähigkeiten oder lediglich des Engagements?

Bevor Sie in eine weitere Runde von Workshops oder „Soft-Skills-Bootcamps“ investieren, treten Sie einen Schritt zurück. Stellen Sie fest, wo die Messung versagt. Sind Ihre Ergebnisse definiert, mit Benchmarks versehen und werden sie konsistent bewertet – oder hoffen Sie immer noch, dass Talente die Lücken füllen?

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Joss Gillet

Founder, Kompunik · Two decades building and leading teams

Joss ist der Gründer von Kompunik, einer mehrsprachigen Lernplattform für Soft Skills und Berufsorientierung. In zwanzig Jahren in Großkonzernen wie in Start-ups hat er Teams in Großbritannien, Indien und Frankreich aufgebaut und geführt und dabei an Stakeholder von den USA, Mexiko und Brasilien bis nach China, Japan, Australien und Afrika berichtet. Zweimal stieg er in der frühesten Phase eines Unternehmens ein — eine Handvoll begeisterter Menschen — und verließ es ein Jahrzehnt später als Organisation mit 30 bis 50 Mitarbeitenden, mit Produkten, die sich in ihren Märkten behaupten, und mehr als verdoppelten wiederkehrenden Umsätzen. Dabei spezialisierte er sich auf den Aufbau von Software-, Daten- und KI-gestützten Produkten, auf die sich führende Unternehmen der Telekommunikations- und Agrarbranche verlassen. Diese Erfahrung — Menschen einzustellen, zu motivieren und zu halten, die den Erfolg ausmachen — ist genau das, was Kompunik weitergeben soll.

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